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Archive for the ‘Politik’ Category

Vernetztes Europa: Connecting Digital Natives & Immigrants

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Seit dem Vorschlag der Grünen zu einer Kultur-Flatrate („Grüne machen sich für ‚Kultur-Flatrate‘ stark“) lebt in Österreich wieder die Diskussion über zukunftsfähige Urheberrechtslösungen und Lizenzierungsformen im digitalen Zeitalter auf. Im folgenden Eintrag werde ich selbst keine eigenen Lösungsvorschläge bringen (das überlasse ich Experten wie Gerd Leonhard, die in diesem Bereich über vertiefendes Know-How verfügen) und lege stattdessen den Fokus auf die Kommunikation zwischen den politischen Entscheidungsträgern und verschiedenen Interessensgruppen. So einfach die bloße Debatte im Vergleich zur eigentlichen Lösungsfindung scheint, so selten findet  eine vielseitige und sachliche Diskussion statt. Und diese ist unumgänglich, wenn es darum geht, einen gemeinsamen Nenner zu finden, mit dem alle Beteiligten zufrieden sind. Erst vor kurzem habe ich ein positives Beispiel nach meinen Vorstellungen erlebt, das ich hier im Blog gerne teilen möchte.

„Ein europäisches Copyright?“: Politik, Wirtschaft und „Onliner“ diskutieren an einem Tisch
30. April: Dr. Eva Lichtenberger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im Europäischen Parlament, lädt zum zweiten Round Table über ein europäisches Copyright. Sie diskutiert mit Vertretern aus der Wirtschaft, Politik und aus dem Netz darüber, wie ein europäisches Copyright geregelt sein soll und ob es sinnvoll ist, dass das geltende Territorialitätsprinzip einer grenzüberschreitenden Lösung weicht. Zur Debatte stehen außerdem mögliche Ausnahmen im Urheberrecht für Bibliotheken, Blinde- und Sehbehinderte und für verwaiste Werke, alternative Lizenzierungsmodelle und die Kulturflatrate.

Expertenrunde: Dr. Eva Lichtenberger (stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im Europäischen Parlament), Thomas Geldmacher (Referent für Bildung im Grünen Parlamentsclub), Roland Spitzlinger (Referent für Forschung im Grünen Parlamentsclub), Georg Tomandl (WKÖ Fachverband für Film und Musik), Alexander Hirschenhauser (Verband der unabhängigen Label), Florian Laszlo (Geschäftsführer Observer.at), Volker Eckhart (Transforming Freedom), Bernhard Böhm (Transforming Freedom), Ulrich Lange (Leiter des Instituts für Medienwirtschaft, FH St. Pölten)

Mindestens genauso wertvoll wie die inhaltlichen Informationen fand ich als Gasthörerin und Bloggerin die heterogene Konstellation der Diskussionsrunde und die Tatsache, dass diese von einem Mitglied des Europäischen Parlaments zusammengeführt wurde. Warum ich das wichtig finde?

  1. Neue Rahmenbedingungen erfordern flexible Anpassung: Nicht selten reduzieren Kritiker jene Interessensgruppen, die mit dem bestehenden Urheberrecht im Konflikt stehen, auf Gratiskultur-Anhänger. Tatsächlich ist die Problematik viel komplexer und neue Rahmenbedingungen wie das veränderte Nutzerverhalten schaffen  neue Herausforderungen, die über illegale Musikdownloads hinausgehen.  Die Grenzen zwischen Sender und Empfänger sowie zwischen Produzent und Nutzer verschwimmen zunehmend. In diesem Zusammenhang spricht Axel Bruns vom „produser“, einem aktiven Nutzertyp, der auch selbst Content produziert. Im Vordergrund stehen dabei Vorgänge wie das Nutzen, Produzieren, Publizieren, Teilen und Kollaborieren, aus denen sich neue Inhalte ergeben können. Ein Beispiel dafür sind Mashups, eine Kombination bestehender Inhalte zu einer neuen Komposition. Solche kreativen Prozesse prägen das Zeitalter des Social Web, kollidieren aber nicht selten mit dem bestehenden Urheberrecht bzw. Copyright. Diese komplexe Problematik erfordert daher eine adäquate Behandlung, u.a. durch eine breite und sachliche Diskussion unter Berücksichtigung unterschiedlicher Aspekte und Vermeidung von Pauschalisierungen.
  2. Faire und ausgeglichene Entscheidungsbasis für Politiker: Als Vertreter des Volkes im Parlament müssen Politiker auch Entscheidungen zur Internetregulierung treffen, obwohl der Großteil mit der Nutzungspraxis des neuen Mediums weniger vertraut ist als die „Digital Natives“. Und das sorgt unter Umständen für Unzufriedenheit in der Netzcommunity, welche dann berechtigt ist, wenn Online-Spezialisten nicht in die Diskussion zu möglichen Regulierungsmaßnahmen eingebunden werden. Ich finde, es ist ein Zeichen  großen Verantwortungsbewusstseins gegenüber den Bürgern, wenn sich Politiker bei Unsicherheit verschiedene Ideen und Meinungen von Experten einholen, bevor sie für oder gegen ein Gesetz stimmen oder wenn sie an alternativen Lösungsvorschlägen arbeiten. Im Zusammenhang mit dem Thema Copyright bzw. Urheberrecht sprach Dr. Eva Lichtenberger beim Round Table die unterschiedlichen Interessen der Verwertungsgesellschaften und der Nutzer an und äußerte ihr Interesse daran, beide Seiten in einer Diskussion zusammenzuführen. Das Aufeinandertreffen der beiden Meinungspole hat zwei Vorteile: Politische Entscheidungsträger können Argumente direkt gegenüberstellen und abwiegen und im Idealfall ist eine kritische Diskussion – sofern sachlich geführt, ernst genommen und offen – eine gute Basis für gemeinsame Lösungsansätze.
  3. „Bitte stören!“ – Diesen Spruch habe ich vor Jahren aus einem Frauenmagazin ausgeschnitten und ihn in einer Wandcollage verewigt. Er sorgt seither bei meinen Besuchern für Verwirrungen. Stören muss nicht unbedingt Lärm und Bedrängung bedeuten – produktive Störenfriede kritisieren und widersprechen bloß. Wir alle freuen uns über Lob und Zustimmung, doch in manchen Fällen bringt uns das Unbequeme viel weiter. Und eine kritische Debatte mit Teilnehmern, die unterschiedliche oder gar gegensätzliche Ansichten vertreten,  kann einen nützlichen Perspektivenwechsel bringen, in Sonderfällen die bisherigen Denkweisen verändern oder zumindest dabei helfen, Vorurteile  gegenüber dem Gegenpart abzubauen und seine Position nachzuvollziehen.
  4. Digital Natives sind Doppelstaatsbürger: Die sogenannten „Digital Natives“ sind mit dem Internet besser vertraut als andere, führen aber auch ein Leben abseits der virtuellen Welt. Eine Flucht in eine politische Parallelwelt mit Online-Schwerpunkt könnte daher auch für sie Nachteile bringen, wenn es um andere Interessensgebiete geht, die eine „Internetpartei“ nicht abdeckt. Gerade deshalb ist es wichtig, dass sich politische Parteien der Themen der Netzcommunity annehmen und sie vor allem ernst nehmen. Unabhängig davon, ob  sich die „Kultur-Flatrate“ als zukunftsfähige Lösung herausstellt oder nicht, ist hervorzuheben, dass sich abgesehen von der Piratenpartei lediglich die Grünen mit den Themen und Anliegen der „Digital Natives“ auf europäischer und nationaler Ebene auseinandergesetzt haben und sie auf die Medienagenda gebracht haben.
  5. Ungleichgewicht entgegenwirken, sonst kippt das Gerüst: „Digital Natives“ sind Spezialisten, wenn es um das Internet und die digitalen Bürgerrechte geht, haben selbst aber wenig Einblick in die wirtschaftliche Praxis und damit auch  in die brancheninternen Prozesse sowie die strukturellen Rahmenbedingungen, unter welchen beispielsweise Verwertungsgesellschaften arbeiten. Die Cyberwelt der Selbstregulierung durch die „Digital Natives“ zu überlassen, würde daher zu einem Ungleichgewicht führen, welches eine Benachteiligung wirtschaftlicher und anderer Interessensgruppen zur Folge hätte. Werden wiederum die Anliegen der Netzcommunity und der Cyber-Rights-Aktivisten ausgeblendet, kommt es zu einem Ungleichgewicht und Defiziten auf der anderen Seite. Zu kritisieren ist in diesem Zusammenhang das einseitig und unter Ausschluss der Öffentlichkeit und NGOs verhandelte ACTA-Abkommen. Die zunehmende Kritik und die Befürchtungen seitens der NGOs wie der EFF (Electronic Frontier Foundation), dass hier die bürgerrechtlichen Interessen zu kurz kommen könnten, sind durchaus berechtigt.

Die Zusammenführung der „Digital Natives“ und der „Digital Immigrants“ ist ein kleiner Abschnitt eines umfangreichen Themenbereichs. Für alle, die sich über die Kommunikationsebene hinaus informieren wollen, habe ich hier ein paar weiterführende Links:

Ergebnisse des Round Table I: „Copyright im Internetzeitalter – quo vadis?“ (Grüne Bildungswerkstatt)

Gerd Leonhard (Media Futurist) – eine meiner Lieblings-Infoquellen zur Zukunft der Medien und der Musik

Produsage – „From Production to Produsage“: Definition, Grundprinzipien, Voraussetzungen, …

Territorialitätsprinzip: Artikel aus dem Duke Law & Technology Review zum paneuropäischen Copyright im Lichte des Territorialitätsprinzips (auch als PDF)

ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement): als Infoquelle zum ACTA-Abkommen eignet sich heise.de besonders gut, weil die Zahl der Artikel mittlerweile sehr umfangreich ist und sie zudem gut untereinander verlinkt sind – z.B. „Kritiker wollen ACTA abspecken“

EFF (Electronic Frontier Foundation): größte NGO für digitale Bürgerrechte, Website enthält interessante Infos aus der Perspektive der Bürgerrechtler: http://www.eff.org/

Kultur-Flatrate:

Österreich:
„Grüne machen sich für ‚Kultur-Flatrate‘ stark“ (ORF Futurezone)

„Verleger fordern Leistungsschutzrecht für Onlineangebote“ (derStandard.at)

Deutschland:
Internet: Pauschal genießen“ (Zeit Online)

Einige berechtigte Argumente der Musikindustrie gegen die Kulturflatrate: „10 Thesen der Musikindustrie gegen die Kulturflatrate“ (netzpolitik.org)

Bündnis 90/Die Grünen: die Antworten auf die Fragen der Musikindustrie: „16 Fragen und 16 Antworten“

International:
Vorschlag der EFF: „Voluntary Collective Licensing of Music File Sharing“

Gerd Leonhard über die „Music Flat Rate“

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Oe2020.at – mehr Partizipation oder neue Mitmach-Illusion?

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In meinem Blogeintrag „Wähler im Web 2.0: Beduinen ohne Chance auf Klimaanlagen“ beschrieb ich anhand einer Metapher das Problem der scheinbar gegebenen Partizipationsmöglichkeit, die auf das Umfeld abseits der Online-Plattformen kaum eine Auswirkung hat.

Am Freitag, 26. Februar, geht die Internetplattform zur SPÖ-Initiative „Österreich 2020“ online: (www.oe2020.at) – Neue Hoffnung für die Wähler im Web 2.0, als Diskussionspartner einer politischen Partei auch wirklich ernst genommen zu werden. Gemeinsam mit 19 anderen Web-2.0-Vertretern durfte ich die Plattform 2 Tage vorab testen. Hier ein paar erste Eindrücke:

Design & Aufbau: Stimmiges Design mit 2 Farbakzenten – ein rot-grauer Faden, der sich durch den gesamten Online-Auftritt zieht. Einfacher Aufbau, der die Orientierung erleichtert und beim Klick-Sparen hilft. Lediglich die „Tagroll“ (gelistete Tags) ist noch etwas gewöhnungsbedürftig. Tagcloud-Fans, die ohne die Wolke nicht leben können, klicken dann aber einfach ins erweiterte Tag-Verzeichnis „alle tags“ und finden hier dann Altbewährtes.

Mein Fazit: ✔ Die Seite entspricht dem Motto „weniger ist mehr“ und unterstützt mit ihrem einfachen Design und Aufbau die Nutzerfreundlichkeit.

Oe2020

Diskursgruppen: Themen

Inhalt: Im Vergleich zur Online-Kampagne mit den 120 BotschafterInnen zur EU-Wahl oder dem Web-Auftritt campa.at ist die Plattform oe2020.at offener im Sinne von geringeren technischen Zugangsbarrieren (Registrierung erleichtert zwar die Beteiligung, ist aber zur Nutzung nicht unbedingt erforderlich), aber auch im Sinne von einer größeren Offenheit gegenüber Nicht-Mitgliedern. Die Themenorientierung nimmt zu und Themengruppen bestimmen den Aufbau der Seite.

Mein Fazit:? Gute Basis für Diskussionen. Ich erhoffe mir hier daher mehr Diskurs, auch mehr Beteiligung und Einbindung der Nicht-Sympathisanten. #unibrennt hat uns gezeigt, dass die Netz-Community keineswegs politikverdrossen ist, den politischen Diskurs sucht und organisiert arbeiten kann. Von kritischen Debatten können beide Seiten profitieren, denn schließlich geht es bei diesem Online-Auftritt auch um eine gemeinsame Zukunft und damit auch positive Veränderungen, die ohne Hinterfragen bestehender Zustände nicht möglich sind.

Technische Basis für Partizipation: Die Nutzer können an unterschiedlichen Diskursgruppen mit festgelegten Themenschwerpunkten teilnehmen und an eigene Interessensgebiete angepasste Newsletter abonnieren (Wie der Newsletter dann aussieht, kann ich noch nicht sagen – auf den muss ich selbst noch warten). Artikel können mit „gefällt mir“ bewertet und kommentiert werden. Mein Favorit ist das Notepad-Modul, in dem sich registrierte Nutzer an der Diskussion zu Spezialthemen beteiligen können. Im Vergleich zu gewöhnlichen Diskussionsforen bildet das Notepad einen graphisch dargestellten, nach Themen strukturierten und damit logisch nachvollziehbaren Diskussionsstrang:

Notepad

Mein Fazit: ✔? Der Nährboden für eine blühende Partizipation ist technisch gegeben. Die Pflanzen müssen aber auch gegossen werden. Die technsiche Umsetzung kann Partizipation und Mitbestimmung sehr wohl unterstützen (was sie meinem Eindruck nach hier auch macht), bildet aber nur die Grundlage.

„If democracy is understood as the production of information by all that has no significant political effects and leaves dominant power structures untouched, then an ideological way of legitimating existing modes of domination is present. Everybody can then voice her or his opinion on the Web, but nobody will care about it because the real decisions are still taken by the elite groups. The information produced then constitutes an endless flood of data, but not significant political voices.“ (Fuchs 2009, S. 83: http://fuchs.icts.sbg.ac.at/ICTS_EJC.pdf)

Hier sind die Beteiligten (User-Seite und v.a. Partei-Seite) gefordert, gemeinsam eine wirkliche Partizipationsplattform zu entwickeln. Ob und inwieweit sich oe2020.at zu einer solchen entwickeln wird, kann ich jetzt noch nicht sagen, aber sobald ich einen Eindruck gewonnen habe, gibt es in meinem Blog mehr darüber zu lesen.

Wen ich jetzt schon lobend hervorheben kann, ist Marko Zlousic (Blog / Twitter), der als Web-2.0-Verantwortlicher der SPÖ das Mitmach-Netz auch wirklich als solches nutzt und selbst aktiv in die Debatten der Netz-Community eingebunden ist. Hoffentlich gibt es seitens der SPÖ bald mehr davon. Ich bedanke mich für die Chance, oe2020.at vorab testen zu dürfen und empfehle dazu gleich den Blogeintrag von Thomas Knapp, der die Seite ebenfalls getestet hat und bei der Website-Beschreibung deutlich mehr in die Tiefe geht: Holt die SPÖ ins 21. Jh., ihr Webauftritt ist schon da.

Nicht vergessen: Morgen geht’s los: www.oe2020.at 😉

Written by ilosweb2null

25. Februar 2010 at 12:48

Veröffentlicht in Politik

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Diplomarbeit: Wahlkampfkommunikation im Social Web

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Back to Blogging! Nach längerer Abwesenheit melde ich mich mit einem neuen Beitrag zurück. Im Blog geht es weiterhin weniger um mich, sondern vielmehr um das Web 2.0 (oder wissenschaftlich korrekter – Social Web, Social Software und Social Media), deshalb nur eine knappe Begründung meiner Abwesenheit: 1. Diplomarbeit – 2. Diplomprüfung – 3.  Verschnaufpause & Energieladung – Und jetzt bin ich wieder da!

Was für Web-2.0-Interessierte durchaus relevant sein könnte, sind die Ergebnisse meiner Diplomarbeit. Thema: Wahlkampfkommunikation im Social Web. Die Chancen und Herausforderungen für österreichische Parteien im Wahlkampf. Hier geht’s zu den Ergebnissen der Arbeit: Diplomarbeit (PDF)

Zusammenfassung (entnommen aus Diplomarbeit):

Österreichische Parteien stehen derzeit im Wahlkampf vor zahlreichen Herausforderungen, die durch den alleinigen Einsatz traditioneller Medien und bisheriger Formen der Online-Kommunikation nur schwer zu bewältigen sind. Zu allgemeinen Problemen wie dem erschwerten direkten Zugang zu den Wählern und dem begrenzten Zugang zur Medien-Agenda kamen in den letzten Jahrzehnten neue Herausforderungen wie die Erosion der Parteibindungen oder die steigende Wählermobilität hinzu. Das Social Web und seine Anwendungen wie Facebook, Twitter, YouTube und Blogs sind durch eine eigene Kommunikationskultur geprägt. Ihre Merkmale weisen gegenüber traditionellen Medien und bisherigen Formen der Online-Kommunikation Stärken aber auch Schwächen auf, die im österreichischen Wahlkampf erfolgskritisch sein können. Auf der einen Seite eröffnet das Social Web Parteien und Politikern zahlreiche Chancen wie die direkte und ungefilterte Kommunikation mit dem Wähler, den Beziehungsaufbau zu relevanten Zielgruppen oder den erleichterten Zugang zu Informationen. Auf der anderen Seite bilden sich neue Herausforderungen für die Wahlkampfkommunikation heraus, darunter das Risiko des Kontrollverlustes über Inhalte oder neue Gatekeeper-Strukturen, die dem ungefilterten Informationsfluss zwischen Parteien und Wählern entgegenwirken. Als Vorbild für einen erfolgreichen Einsatz des Social Web dient Barack Obamas Kampagne im Präsidentschaftswahlkampf 2008. Ergebnisse der Arbeit zeigen jedoch wesentliche Unterschiede zwischen den USA und Österreich im Bezug auf die Rahmenbedingungen für den Wahlkampf und deuten somit darauf hin, dass eine Eins-zu-eins-Übernahme amerikanischer Wahlkampfstrategien im Social Web nicht zielführend ist.

Wenn du dich selbst mit einem ähnlichen Thema beschäftigst, hier 5 Lesetipps aus meiner Literaturliste mit Amazon-Link:

1. Zerfaß, Ansgar/Welker, Martin/Schmidt, Jan (Hrsg.) (2008): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. – Fokus: Sozialwissenschaftliche Perspektive, Bedeutung des Social Web für Gesellschaft, Wirtschaft & Politik. Kenne Band 2 & 3. Sehr empfehlenswert! Wer die Bücher noch nicht in der Hand hatte, unbedingt nachholen!
2. Ebersbach, Anja/Glaser, Markus/Heigl, Richard (2008): Social Web. – Grundlagen des Social Web sehr gut abgedeckt.
3. Merz, Manuel/Rhein, Stefan/Vetter, Julia (2008): Handbuch für die politische Online-Kampagne.
– Guter Überblick über relevante Themen aus der Theorie & Praxis des Online Campaigning.
4. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Lernen von Obama? Das Internet als Ressource und Risiko für die Politik. – Leicht irreführender Titel, das Buch enthält tatsächlich mehr als Analysen der Online-Wahlkampfstrategie von Obama 2009. Interessante Beiträge von Chancen & Risiken bis hin zu Mobilisierung , Partizipation & E-Democracy.
5. Zerfaß, Ansgar/Boelter, Dietrich (2005): Die Neuen Meinungsmacher. Weblogs als Herausforderung für Kampagnen, Marketing, PR und Medien. – Tipp für den Einstieg in das Thema Blogs & Blogosphäre.

Written by ilosweb2null

10. Dezember 2009 at 11:55

Wähler im Web 2.0: Beduinen ohne Chance auf Klimaanlagen

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Das Marketing hat sich längst vom Märchen verabschiedet, dass gute Werbung einen Beduinen zum Heizkörperkauf verleitet. Vielmehr interessiert man sich jetzt dafür, was der Beduine erwartet. So entstehen neue Anregungen, die als Chance genutzt werden können, die Produkte zu verbessern. Wer hier vom unwissenden und naiven Kunden ausgeht, wird enttäuscht zusehen müssen, wie der Wüstenbewohner zum anderen Basar-Verkäufer abwandert, der ihm eine Klimaanlage anbietet – besonders dann, wenn der Beduine explizit eine Klimaanlage fordert, jedoch seine Bedürfnisse ignoriert werden. (Beispiel nicht ernst gemeint, nur eine Metapher.)

Ähnlich ist es mit den jungen Wählern. Oft unterstellt man ihnen Politikverdrossenheit. Man würde sie ja partizipieren lassen, aber sie haben „eh kein Interesse“. Ist Politikverdrossenheit aber nicht mehr ein Symptom als eine Ursache? Jeder Mensch hat eine Meinung und verfolgt bestimmte Interessen, die Frage ist nur: Was habe ich davon, wenn ich sie mitteile? Ändere ich etwas damit? Das Web 2.0 bietet die Möglichkeit zur Partizipation, Kollaboration & Enthierarchisierung der Politik. Diese Chance, die technisch gegeben ist, wird jedoch in der Praxis zumeist nur symbolisch genutzt.

Einen interessanten Beitrag lieferte dazu Christian Fuchs in seinem Paper: „Information and Communication Technology and Society. A Contribution to the Critique of the Political Economy of the Internet.“ Er kritisiert darin den Optimismus über die bloße Verfügbarkeit von Tools, die potentiell Partizipation ermöglichen könnten (es in der Praxis aber nicht tun).

„[..] the degree of participation in the media not only concerns the availability of production and circulation technologies, but also how visible information is, how much attention it gains, how much difference it makes, how much control of actual decision processes is enabled and the degree to which the structures of ownership, power and discourse are shaped in participatory and cooperative ways. If democracy is understood as the production of information by all that has no significant political effects and leaves dominant power structures untouched, then an ideological way of legitimating existing modes of domination is present. Everybody can then voice her or his opinion on the Web, but nobody will care about it because the real decisions are still taken by the elite groups.“ (Christian Fuchs)

Auch Markus Beckedahl (Netzpolitik.org) sagte im April in einem Interview mit ORF Futurezone:

„Die politischen Parteien sind noch nicht im Web 2.0 angekommen. Wenn wir „2.0“ mit Offenheit, Kollaboration übersetzten, dann sieht man, dass die einzige Form von Kollaboration im Moment so aussieht, dass man einfacher an die Botschaften der Politiker herankommt. Die sind jetzt auf mehrere Kanäle verteilt – etwa YouTube. Die Möglichkeiten der Partizipation sind aber beschränkt. Man kann nicht wirklich mitdiskutieren und mitbestimmen.“

Übertragen auf die Beduinen und ihre Klimaanlagen sieht das so aus:
IST: Heizkörperverkäufer lesen die Kommentare und Diskussionsbeiträge der Beduinen. Diese werden dazu genutzt, um die Werbung für Heizkörper zu optimieren.
SOLL: Heizkörperverkäufer lesen die Kommentare und Diskussionsbeiträge der Beduinen. Diese werden dazu genutzt, um das Produktsortiment anzupassen und die Produkte zu verbessern. Klimaanlagen werden verkauft.

Besonders kritisch wird es dann, wenn Politiker für Bereiche Entscheidungen treffen, in denen sie selbst keine Experten sind. Ein Beispiel dafür sind Maßnahmen zur Internetregulierung wie Netzsperren, die eigentlich nicht von „digital natives“, sondern „digital immigrants“ durchgesetzt werden. Übertragen auf die Beduinen und Heizkörperverkäufer sieht das so aus:

IST: Die Heizkoerperverkäufer sind nicht in der Wüste beheimatet, sondern kommen vom Nordpol und wollen in die Wüste expandieren. Sie passen ihr Sortiment aber nicht an die neue Umgebung an, sondern verkaufen weiterhin Heizkörper. Die Beduinen starten eine Petition unter http://www.wirbrauchenkeineheizkoerper.org. Nichts passiert.
SOLL: Die Heizkörperverkäufer ziehen Beduinen als Berater heran, um ihr Angebot an die Bedingungen in der Wüste anzupassen.

Kennt jemand Beispiele aus der Politik, in denen Beduinen im Web 2.0 Klimaanlagen gefordert haben und sie auch wirklich bekommen haben? Ich freue mich über Hinweise!

Written by ilosweb2null

30. September 2009 at 10:19

Veröffentlicht in Politik

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I bet I can find 1,000,000 people who can CHANGE the world

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by baboon™ @ flickr

by baboon™ @ flickr

Das Kommentar eines Lesers zu meinem Eintrag „I bet I can find 1,000,000 people who hate …“ bewegte mich dazu, mir mehr Gedanken über Veränderungen zu machen und inwieweit diese auch im Social Web und mithilfe des Social Web stattfinden können.

Barack Obama machte „Change“ zu einem Markenzeichen seines Online-Wahlkampfes, über hundert Facebook-Gruppen tragen den Namen „Change The World“ und die Facebook-Applikation „(Lil) Green Patch“ soll nicht nur die virtuelle, sondern auch die reale Welt grüner werden lassen. Machen Facebook, Twitter & Co. die Welt zu einer besseren?

Ähnliche Fragen stellt Giulia Rozzi in ihrem Blog im Bezug auf Facebook Causes: „Does Joining a Facebook Cause Really Cause Change?“ und „How does becoming a Facebook fan of “feed the children” actually feed a child?“ Tatsächlich spendet nur ein geringer Anteil der Fans von Facebook Causes für die unterstützten Zwecke und Krieg und Armut lassen sich leider nicht mit  einem Mausklick beheben; Dennoch haben gerade „bevölkerungsreiche“ Social Networks wie Facebook eine große Stärke: das Thema wird innerhalb einer großen Community weitergegeben und damit die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein für Probleme gestärkt.

Ein Beispiel aus der realen Welt: Du gönnst dir deine wohlverdiente Shopping-Tour und siehst knapp vor dem Ziel junge Leute mit Mappen und Stiften auf dich warten. Wie oft hast du dir zumindest angehört, worum es bei der Aktion geht, bevor du dann mit einem knappen „Sorry, keine Zeit!“ die Flucht ergriffen hast? Was würdest du machen, wenn diese Leute keine Unbekannten, sondern deine Freunde wären?
– Auf Facebook sind sie es nämlich oft.

2 Fragen zum Schluss:
1. Was hat „charity: water“ davon, wenn ich ein Fan der Organisation werde?
2. Hat „charity: water“ mehr davon, wenn ich auf Scheinheiligkeit verzichte und stattdessen wie 744,702 andere Facebook-UserInnen einfach Fan von „Wasser“ werde?

Written by ilosweb2null

20. August 2009 at 07:44

Veröffentlicht in Facebook, Mensch, Politik

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Der Sprung ins kalte Wasser: Politiker im Web 2.0

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„Wenn die anderen von einer Brücke springen, dann springe ich auch.“ Doch für Politiker können Twitter & Co. einen unerwarteten Sprung ins kalte Wasser bedeuten. Wer die Chancen des Web 2.0 nutzen will, muss seine Risiken kennen. Und mit denen werden viele Politiker erst dann konfrontiert, wenn es zu spät ist.

Sprung ins Kalte Wasser

Bridge Jumping by johnmcteague @flickr

5 Grundregeln für Politik im Web 2.0
…. und was passieren kann, wenn man sie nicht beachtet.

1. BE YOURSELF! – eine Floskel die im Web 2.0 durchaus Sinn macht.

Wer das Social Web nutzen möchte, um dem Wähler näher zu kommen und um Vertrauen zu gewinnen, muss sich schon selbst an die Tastatur setzen. Den Assistenten oder Kommunikations-Experten schickt immerhin auch niemand ins TV, um – als Wahlkandidat verkleidet – vor dem Publikum zu sprechen. Noch viel mühsamer als selbst zu twittern ist es zu verbergen, dass hinter dem Twitter-Profil jemand anders steckt. Der österreichische ÖVP-Politiker Wilhelm Molterer hatte mit seinem Versteckspiel zumindest keinen Erfolg und wurde ertappt: Molterer hielt gerade eine Rede im Parlament, als ein Twitter-Beitrag bei seinen Followers einlangte. Beeindruckendes Multitasking Molterers oder peinlicher Fehler seines Online-Doubles?

2. DON’T MESS WITH THE BLOGGERS! – Wenn es der bloggende David mit dem Goliath aus der Politik zu tun bekommt, mobilisiert sich die Blogosphäre gerne zur Unterstützung.

„Angriff ist die beste Verteidigung.“ – NICHT für Politiker im Web 2.0! Nachdem ein Blogger der SPD-Politikerin Hannelore Kraft einen geschönten Lebenslauf vorgeworfen hat, kontert diese mit einer Klage und sorgt für Gesprächsstoff in der deutschen Blogosphäre. Die Solidarität gilt großteils dem „kleinen“ Blogger. Kraft dürfte sich zwar über gesteigerte Medienpräsenz freuen, mit Schlagzeilen wie diesen zieht jedoch niemand gerne in den Online-Wahlkampf: „Lücke im Lebenslauf: SPD-Politikerin geht gegen Blogger juristisch vor“ (Welt) oder „Angeblich geschönter Lebenslauf: SPD-Politikerin erzürnt Blogosphäre“ (Spiegel Netzwelt). FAZIT: Mehr Diplomatie im Umgang mit Bloggern = weniger Ärger.

3. WIE MAN INS WEB HINEINRUFT … so schallt es heraus. Vorsicht vor dem Boomerang-Effekt!

Negative Campaigning im Web 2.0 wird schnell zum eigenen Stolperstein. Davon kann auch John McCain ein Lied singen – und zwar „Can’t Take My Eyes Off You“ von Frankie Vallie. Den Song nutzte McCain zur musikalischen Untermalung eines Wahlkampf-Spots, der sich gegen Barack Obama richtete. Weil er dafür aber keine Lizenz erworben hatte, ließ Warner Music das Video von YouTube entfernen. Die Ironie dahinter: McCain gilt selbst als Verfechter strenger Urheberrechtsgesetze. Auf Eigentore wie diese freut sich der Gegner – besonders, wenn sie aus einer Negativ-Kampagne hervorgehen.

4. WAS OBAMA-GIRL DARF … darf ein Obama noch lange nicht!

Skurrile YouTube-Auftritte wie der von Obama-Girl gehören zwar zum unterhaltsamen YouTube-Kult. Der Politiker selbst sollte jedoch von derartigen Show-Einlagen Abstand nehmen. Und in Krisenzeiten verstehen die sonst lockeren Onliner dann auch keinen Spaß mehr – z.B. wenn Arnold Schwarzenegger auf Twitter seinen Galgenhumor zum Besten gibt. In Arnies Heimat Österreich startet zwar ein rechter Politiker als Rapper durch und punktet damit scheinbar bei seiner Zielgruppe, darf aber nicht erwarten, auch ernst genommen zu werden.

5.  PRESSETEXT + COPY PASTE = GÄÄÄHN!

Twitter macht es klar und deutlich: 140 Zeichen = kein Platz für Pressetexte! Kurz, knackig und authentisch soll die Botschaft werden, speziell an den Microblogging-Dienst angepasst. Ebenso sind auch Facebook und Blogs eigenständige Plattformen zur Kommunikation mit dem Wähler und kein Ablageplatz für bereits veröffentlichte Nachrichten. Wer nur Pressetexte veröffentlicht, bleibt vom viralen Effekt unberührt – wer dagegen regelmäßig neue, interessante Beiträge postet, wird auch weiterempfohlen. So lese ich als Userin zum Beispiel gerne den Blog von Christoph Chorherr (Die Grünen, Österreich) und verlinke ihn jetzt in meinem Beitrag.

Written by ilosweb2null

28. Juli 2009 at 04:28