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Archive for the ‘Medienzukunft’ Category

Printmedien und das digitale Dilemma

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Ich kaufe Zeitungen, lese sie, schätze das gut Geschriebene und rieche gerne das frisch Gedruckte. Doch nicht immer reicht die Zeit für den gemütlichen Zeitungsgenuss bei einer Tasse Kaffee. Die Zeitung leidet vor allem im Broadsheet-Format unter der Coffee-to-go-Kultur, in die sich Smartphones einfach besser integrieren lassen. Das ist jedoch nicht ihr einziges Problem und jeder Zeitungsromantiker muss sich das ehrlich eingestehen: Print bringt nicht immer einen Mehrwert. Wenn es um Aktualität und gezielte Informationssuche geht, hat das Internet einen Vorsprung und besonders dann, wenn der Informationsdienst auch noch kostenlos ist. Hier beginnt das digitale Dilemma: Kostenlos mitziehen? Bezahlmauern aufbauen? Mittels Lobbying regulierende Gesätze erwirken? Oder gibt es doch eine Mittellösung, mit der Onliner und Printverlage leben können?

„The flattening process simultaneously broke the traditional newspapers‘ monopoly on classified advertising (thanks to Google), its near monopoly on written news and commentary (thanks to bloggers), and its monopoly on distribution (thanks to the Internet). The business model for newspapers has been turned on its head, and the new – survivable – hybrid model for newspapers in a flat world still has not been sorted out.“ – Thomas L. Friedman, The World Is Flat (2005)

Etikett „Gratiskultur“

Das Online-Nutzungsverhalten der Digital Natives auf die Gratiskultur zu reduzieren, ist nicht gerecht und in der öffentlichen Diskussion nicht besonders geschickt. Es erinnert mich ein wenig an Mitt Romneys Patzer im US-Wahlkampf, bei dem er Obama-Wähler und somit potentielle Wähler als Schmarotzer bezeichnet hat. Sogenannte „Gratisleser“ sind nämlich mögliche Abonnenten für Online-Premiumdienste, sofern für sie ein Mehrwert erkennbar ist. (Hinweis: Ein Artikel mit demselben Informationsgehalt und in derselben Qualität wie ein Gratis-Artikel auf einer anderen Webseite ist kein Mehrwert!) Jene User, die gegen strenge Copyright-Gesetze und Internetüberwachung protestieren und auf Twitter mit konservativen Vertretern aus der Medienwelt streiten, sind nämlich gleichzeitig eine wichtige Zielgruppe. Denn sie zeigen neben ihrer kritischen Haltung auch Affinität zu den (digitalen) Medien.

Paywall vs. Free Content

Solange es starke Online-Auftritte von Zeitungen ohne „Bezahlmauer“ gibt, ist die Paywall für den Online-Leser keine attraktive Alternative. Es bedeutet den Verzicht auf ein vielfältiges, kostenloses Medienangebot zugunsten eines einzelnen kostenpflichtigen Mediums.

Anders sieht es bei einem Abo mit breiterem Medienangebot nach dem Vorbild der All-you-can-read-App von Next Issue aus. (gizmodo.com) Hier bietet das Abo für iPad/iPhone-User einen Zugriff auf zahlreiche Magazine der führenden Verlagshäuser, darunter Time, Vanity Fair, GQ und andere. Ich denke, dass so ein bunt gemischtes All-you-can-read-Buffet Potential hat. Auf Zeitungen lässt es sich allerdings schwer übertragen, da sie großteils die gleichen Themen abdecken. Der wahrgenommene Nutzen für den Kunden ist gering, wenn sich die Angebote im Paket nicht ausreichend ergänzen und in Summe somit keinen großen Mehrwert bieten.

Die Sonderstellung von spezialisiertem Content ist wohl auch einer der Gründe, weshalb das Paywall-Modell bei The Wall Street Journal funktioniert. Die Zielgruppe ist fachlich im Wirtschaftssektor angesiedelt, hat ein tendenziell höheres Einkommen und dementsprechend höhere Bezahlbereitschaft für Nachrichten aus der Wirtschafts- und Finanzwelt. Wieder gilt: Das Erlösmodell lässt sich schwer auf eine Tageszeitung ohne wirtschaftlichen Schwerpunkt übertragen.

Wie sieht es mit allgemeinen Beispielen aus? The New York Times setzt auf eine „Light Paywall“, die ab 10 gelesenen Artikeln im Monat gilt. Bisher gilt das Experiment als erfolgreich – somit ein anwendbares Modell für deutschsprachige überregionale Zeitungen? Im Artikel „New York Times: das falsche Pay-Vorbild“ (meedia.de) erklärt Stefan Winterbauer, weshalb sich das amerikanische Paywall-Modell schwer auf den deutschsprachigen Raum übertragen lässt.

Wozu überhaupt Mauern bauen? Mail Online zeigte mit seinem starken Umsatzwachstum, dass die Bezahlmauer nicht zwingend notwendig ist, und auch The Guardian bleibt mit seiner Gratis-Strategie weiterhin im Aufwärtstrend. (guardian.co.uk) Ein weiteres positives Gratis-Beispiel ist die Zeitschrift The Atlantic, welche auf alternative Erlösquellen wie Events oder neue Werbeformen im Internet setzt. Ein Lesetipp dazu: „Five reasons why media companies should pay attention to The Atlantic“ (gigaom.com) von Mathew Ingram. Die Beispiele dienen nicht unbedingt als Vorlage zum Nachmachen, sondern sollen demonstrieren, dass das Loslassen von altbewährten Prinzipien zu neuen Erfolgswegen führen kann.

Leistungsschutzrecht in Deutschland

In Deutschland sorgt das „Ja“ zum Leistungsschutzrecht für Applaus bei den Zeitungsverlagen und für Empörung bei den Bloggern, online-nahen Verbänden wie dem Bitcom, Google und den Nachrichtenaggregatoren. (Heise.de) Für ein besseres Verständnis bietet Neuwal eine gute Erklärung und für die Erfassung der Pros und Contras ließ die Zeit Online Befürworter Christoph Keese und Gegner Till Kreutzer zu Wort kommen. Eine mögliche Umsetzung steht nun auch in Österreich zur Debatte. (derStandard)

Grundsätzlich verstehe ich die Sorge der Zeitungsverlage hinsichtlich der Marktmacht von Google am Online-Anzeigenmarkt und den Ansatz, Unternehmen, die sich am eigenen Content bereichern, zur Kassa zu bitten. Die bisher genannten Argumente für das Leistungsschutzrecht sind allerdings nicht hinreichend und die Folgen einer Umsetzung nicht gut durchdacht. Kritisch sind für mich unter anderem folgende Punkte:

  • Dienstleisterfrage: Ist Google tatsächlich ein Kostenlos-Nutzer oder eher ein Traffic-Lieferant? Ein Suchbeispiel: Ich möchte mich schnell über das Leistungsschutzrecht informieren, google es, klicke auf ein Snippet aus den Top 5 und lande beim Originalartikel auf der Webseite der jeweiligen Zeitung. Eine prominente Google-Platzierung, die viele User auf die Seite bringt. Andere Unternehmen zahlen für den Dienst, für den die Verlagshäuser nun Geld verlangen. Wenn das Snippet den kompletten Artikel darstellen würde und damit einen Klick auf die Webseite überflüssig machen würde, gäbe es eine andere Ausgangslage. Das ist hier aber nicht der Fall.
  • David vs. Googliath-Rhetorik: Immer wieder wird in den Argumenten für das Leistungsschutzrecht gezielt der große Google-Konzern genannt, der sich – wäre er nicht ohnehin schon so groß – auch noch am Content der Zeitungen bereichert. Dabei werden kleine Start-ups ausgeblendet, die das Leistungsschutzrecht deutlich stärker trifft. Nachrichtenaggregatoren, die von Start-ups entwickelt wurden, haben im Gegensatz zu Google nur dieses eine Standbein. Sie spielen im Internet eine wichtige Rolle, da sie Struktur und Überblick in die laufende Informationsflut bringen und somit die Nachrichtenversorgung vereinfachen.
  • Innovationsbarriere: Das Leistungsschutzrecht gefährdet neue Entwicklungen im Bereich der Nachrichtenaggregation und bildet eine Eintrittsbarriere für Start-ups, die für frischen Wind im Online-Markt sorgen. Aus internationaler Sicht ist das kein gutes Aushängeschild für Deutschland und seine Hautptstadt Berlin, die sich in den letzten Jahren zu einer europäischen Start-up-Metropole entwickelt hat. Und während das Leistungsschutzrecht den Innovationszeiger dort auf Slow Motion dreht, entstehen weltweit im Schnelltempo neue Ideen und Online-Dienste, die im Internet mit dem nationalen Angebot konkurrieren. Wie reagiert der nationale Markt auf diese neuen „Bedrohungen“? Schwerfällig mit neuen bremsenden Regulierungsmaßnahmen oder dynamisch mit Innovationen, die international mithalten können?

Innovation vs. Regulierung

Innovation und Regulierung sind keine Gegensätze, jedoch auch keine Freunde, denn regulierende Eingriffe wirken sich nachteilig auf neue Entwicklungen am Markt aus. So bringen sie vielleicht kurzfristig erwünschte Erfolge, täuschen jedoch nicht über die Realität in der Medienwirtschaft hinweg, die neue Ideen und Wachstum erfordert. Den Vorwurf, dass die Nutzugskultur im Internet anarchistisch sei und den Versuch zur Umerziehung der Digital Natives mit Strafmaßnahmen wie den Three-strikes-Verfahren kennen wir ja schon aus der Musik- und Filmindustrie. Mittlerweile wird das französische „Copyright-Strafsenat“ aufgrund seiner geringen Effektivität in Frage gestellt (Heise.de), während Musik-Streaming-Dienste wie Spotify mit Freemium-Modell (werbefinanzierter Gratisdienst und werbefreie Premium-Modelle) bereits legale Alternativen für den fast unbegrenzten Musikspaß bieten. Ausgereift sind sie noch lange nicht, wie auch jüngste Zahlen zeigen (Futurezone.at), bieten jedoch mehr Potential für Innovation und Wachstum als restriktive Gesetze, die lediglich die „alte Ordnung“ wiederherstellen sollen.

(aktualisiert am 01. Oktober 2012)

Written by ilosweb2null

30. September 2012 at 23:59

Eurovision Songcontest: „Share The Moment!“

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Logo Eurovision Songcontest„And twelve points go to …“, heißt es heute Abend in 39 Ländern Europas. Noch bevor der Eurovision Songcontest 2010 in Oslo in die Endrunde geht, vergebe ich „Douze Points“ an das diesjährige Motto der Show: „Share The Moment“. Der norwegische TV-Sender NRK, der das Thema noch Ende 2009 ankündigte, setzte damit einen neuen Fokus: weg vom einseitigen Senden hin zum Teilen. Woran erinnert uns das? – Genau, an die Prinzipien des Web 2.0 bzw. Social Media.

Die Maßnahmen im Bereich Social Media wurden aus meiner Sicht gut umgesetzt. Die Veranstalter machen nicht nur die kollektive Teilnahme an der Show und das Teilen der Eindrücke zum Thema, sondern bieten auch einen adäquaten Online-Auftritt. Hier eine kleine Analyse zum Social-Media-Auftritt von Eurovision.tv.

Europaweite Vernetzung statt Isolation
Man kann ihn mögen oder nicht – der Eurovision Songcontest ist die größte europäische Fernsehproduktion und lockt immerhin mehr als 120 Millionen Zuseher. Die  Herausforderung besteht nun darin, das große Konglomerat aus verschiedenen Nationen mit all ihren kulturellen Eigenheiten zu vereinen und sie in einer größeren Dimension teilhaben zu lassen als durch den bloßen Empfang einer TV-Sendung. Besonders abwechslungsreich wird die Teilnahme dann, wenn sich die Zuseher aus verschiedenen Ländern vernetzen und ihre Eindrücke und Emotionen teilen. Wie kommentieren die Skandinavier den griechischen Beitrag und was gefällt den Zusehern vom Balkan außerhalb des Ethnopop-Genre? Wie kommt Lena Meyer-Landrut in den baltischen Ländern an?

Facebook und Twitter machen viele Diskussionen transparenter und zugänglicher, die zuvor in geschlossenen Räumen geführt wurden. Die offizielle Facebook-Page zum Songcontest hat immerhin über 125.000 Fans und mal abgesehen von den zumeist passiven „Likes“ ist auch die aktive Teilnahme beachtlich: Die Status-Updates von Eurovision.tv erreichen bis über 1.000 Kommentare und parallel zum Live-Stream der Semifinal-Shows kommunizierten User aus ganz Europa im Facebook-Chat über die Beiträge. Umfangreich war bisher auch die Nutzung des offiziellen Twitter-Hashtags #ESC. Während der Liveübertragungen bin ich so selbst oft über unterhaltsame Tweets gestolpert, die ich viel erfrischender fand als die Kommentare im Fernsehen.

Publikum nachfolgen statt nachtrauern
Die EBU (European Broadcasting Union), zu deren Produktionen unter anderem der Eurovision Songcontest gehört, hat beim TV Summit 2009 Social Media auf ihre Agenda gesetzt. Mit Obamas Wahlkampagne als Vorbild und „Making Change Happen“ als Motto hat sich die europäische Rundfunkunion zum Ziel gesetzt, verlorene Zuseher im Internet wiederzugewinnen. Überlegt werden also zukunftsfähige Modelle, mit denen man auch den „Digital Natives“ entgegenkommt . Mit dem diesjährigen Motto „Share The Moment“ und dem offiziellen Internetauftritt des Eurovision Songcontest wurde ein wichtiger Schritt in diese Richtung gemacht. Ich bin gespannt, wie die weitere Entwicklung aussieht und wie flexibel die EBU und ihre Mitglieder auf neue Trends reagieren werden.

Online-Verweise:
http://www.eurovision.tv
http://www.facebook.com/EurovisionSongContest
Offizieller Twitter-Hashtag: #ESC

Wer sind eure Favoriten dieses Jahr? Viel Spaß beim Mitfiebern, Mitdiskutieren und Punkteraten! 😉

Written by ilosweb2null

29. Mai 2010 at 12:23

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Vernetztes Europa: Connecting Digital Natives & Immigrants

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Seit dem Vorschlag der Grünen zu einer Kultur-Flatrate („Grüne machen sich für ‚Kultur-Flatrate‘ stark“) lebt in Österreich wieder die Diskussion über zukunftsfähige Urheberrechtslösungen und Lizenzierungsformen im digitalen Zeitalter auf. Im folgenden Eintrag werde ich selbst keine eigenen Lösungsvorschläge bringen (das überlasse ich Experten wie Gerd Leonhard, die in diesem Bereich über vertiefendes Know-How verfügen) und lege stattdessen den Fokus auf die Kommunikation zwischen den politischen Entscheidungsträgern und verschiedenen Interessensgruppen. So einfach die bloße Debatte im Vergleich zur eigentlichen Lösungsfindung scheint, so selten findet  eine vielseitige und sachliche Diskussion statt. Und diese ist unumgänglich, wenn es darum geht, einen gemeinsamen Nenner zu finden, mit dem alle Beteiligten zufrieden sind. Erst vor kurzem habe ich ein positives Beispiel nach meinen Vorstellungen erlebt, das ich hier im Blog gerne teilen möchte.

„Ein europäisches Copyright?“: Politik, Wirtschaft und „Onliner“ diskutieren an einem Tisch
30. April: Dr. Eva Lichtenberger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im Europäischen Parlament, lädt zum zweiten Round Table über ein europäisches Copyright. Sie diskutiert mit Vertretern aus der Wirtschaft, Politik und aus dem Netz darüber, wie ein europäisches Copyright geregelt sein soll und ob es sinnvoll ist, dass das geltende Territorialitätsprinzip einer grenzüberschreitenden Lösung weicht. Zur Debatte stehen außerdem mögliche Ausnahmen im Urheberrecht für Bibliotheken, Blinde- und Sehbehinderte und für verwaiste Werke, alternative Lizenzierungsmodelle und die Kulturflatrate.

Expertenrunde: Dr. Eva Lichtenberger (stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im Europäischen Parlament), Thomas Geldmacher (Referent für Bildung im Grünen Parlamentsclub), Roland Spitzlinger (Referent für Forschung im Grünen Parlamentsclub), Georg Tomandl (WKÖ Fachverband für Film und Musik), Alexander Hirschenhauser (Verband der unabhängigen Label), Florian Laszlo (Geschäftsführer Observer.at), Volker Eckhart (Transforming Freedom), Bernhard Böhm (Transforming Freedom), Ulrich Lange (Leiter des Instituts für Medienwirtschaft, FH St. Pölten)

Mindestens genauso wertvoll wie die inhaltlichen Informationen fand ich als Gasthörerin und Bloggerin die heterogene Konstellation der Diskussionsrunde und die Tatsache, dass diese von einem Mitglied des Europäischen Parlaments zusammengeführt wurde. Warum ich das wichtig finde?

  1. Neue Rahmenbedingungen erfordern flexible Anpassung: Nicht selten reduzieren Kritiker jene Interessensgruppen, die mit dem bestehenden Urheberrecht im Konflikt stehen, auf Gratiskultur-Anhänger. Tatsächlich ist die Problematik viel komplexer und neue Rahmenbedingungen wie das veränderte Nutzerverhalten schaffen  neue Herausforderungen, die über illegale Musikdownloads hinausgehen.  Die Grenzen zwischen Sender und Empfänger sowie zwischen Produzent und Nutzer verschwimmen zunehmend. In diesem Zusammenhang spricht Axel Bruns vom „produser“, einem aktiven Nutzertyp, der auch selbst Content produziert. Im Vordergrund stehen dabei Vorgänge wie das Nutzen, Produzieren, Publizieren, Teilen und Kollaborieren, aus denen sich neue Inhalte ergeben können. Ein Beispiel dafür sind Mashups, eine Kombination bestehender Inhalte zu einer neuen Komposition. Solche kreativen Prozesse prägen das Zeitalter des Social Web, kollidieren aber nicht selten mit dem bestehenden Urheberrecht bzw. Copyright. Diese komplexe Problematik erfordert daher eine adäquate Behandlung, u.a. durch eine breite und sachliche Diskussion unter Berücksichtigung unterschiedlicher Aspekte und Vermeidung von Pauschalisierungen.
  2. Faire und ausgeglichene Entscheidungsbasis für Politiker: Als Vertreter des Volkes im Parlament müssen Politiker auch Entscheidungen zur Internetregulierung treffen, obwohl der Großteil mit der Nutzungspraxis des neuen Mediums weniger vertraut ist als die „Digital Natives“. Und das sorgt unter Umständen für Unzufriedenheit in der Netzcommunity, welche dann berechtigt ist, wenn Online-Spezialisten nicht in die Diskussion zu möglichen Regulierungsmaßnahmen eingebunden werden. Ich finde, es ist ein Zeichen  großen Verantwortungsbewusstseins gegenüber den Bürgern, wenn sich Politiker bei Unsicherheit verschiedene Ideen und Meinungen von Experten einholen, bevor sie für oder gegen ein Gesetz stimmen oder wenn sie an alternativen Lösungsvorschlägen arbeiten. Im Zusammenhang mit dem Thema Copyright bzw. Urheberrecht sprach Dr. Eva Lichtenberger beim Round Table die unterschiedlichen Interessen der Verwertungsgesellschaften und der Nutzer an und äußerte ihr Interesse daran, beide Seiten in einer Diskussion zusammenzuführen. Das Aufeinandertreffen der beiden Meinungspole hat zwei Vorteile: Politische Entscheidungsträger können Argumente direkt gegenüberstellen und abwiegen und im Idealfall ist eine kritische Diskussion – sofern sachlich geführt, ernst genommen und offen – eine gute Basis für gemeinsame Lösungsansätze.
  3. „Bitte stören!“ – Diesen Spruch habe ich vor Jahren aus einem Frauenmagazin ausgeschnitten und ihn in einer Wandcollage verewigt. Er sorgt seither bei meinen Besuchern für Verwirrungen. Stören muss nicht unbedingt Lärm und Bedrängung bedeuten – produktive Störenfriede kritisieren und widersprechen bloß. Wir alle freuen uns über Lob und Zustimmung, doch in manchen Fällen bringt uns das Unbequeme viel weiter. Und eine kritische Debatte mit Teilnehmern, die unterschiedliche oder gar gegensätzliche Ansichten vertreten,  kann einen nützlichen Perspektivenwechsel bringen, in Sonderfällen die bisherigen Denkweisen verändern oder zumindest dabei helfen, Vorurteile  gegenüber dem Gegenpart abzubauen und seine Position nachzuvollziehen.
  4. Digital Natives sind Doppelstaatsbürger: Die sogenannten „Digital Natives“ sind mit dem Internet besser vertraut als andere, führen aber auch ein Leben abseits der virtuellen Welt. Eine Flucht in eine politische Parallelwelt mit Online-Schwerpunkt könnte daher auch für sie Nachteile bringen, wenn es um andere Interessensgebiete geht, die eine „Internetpartei“ nicht abdeckt. Gerade deshalb ist es wichtig, dass sich politische Parteien der Themen der Netzcommunity annehmen und sie vor allem ernst nehmen. Unabhängig davon, ob  sich die „Kultur-Flatrate“ als zukunftsfähige Lösung herausstellt oder nicht, ist hervorzuheben, dass sich abgesehen von der Piratenpartei lediglich die Grünen mit den Themen und Anliegen der „Digital Natives“ auf europäischer und nationaler Ebene auseinandergesetzt haben und sie auf die Medienagenda gebracht haben.
  5. Ungleichgewicht entgegenwirken, sonst kippt das Gerüst: „Digital Natives“ sind Spezialisten, wenn es um das Internet und die digitalen Bürgerrechte geht, haben selbst aber wenig Einblick in die wirtschaftliche Praxis und damit auch  in die brancheninternen Prozesse sowie die strukturellen Rahmenbedingungen, unter welchen beispielsweise Verwertungsgesellschaften arbeiten. Die Cyberwelt der Selbstregulierung durch die „Digital Natives“ zu überlassen, würde daher zu einem Ungleichgewicht führen, welches eine Benachteiligung wirtschaftlicher und anderer Interessensgruppen zur Folge hätte. Werden wiederum die Anliegen der Netzcommunity und der Cyber-Rights-Aktivisten ausgeblendet, kommt es zu einem Ungleichgewicht und Defiziten auf der anderen Seite. Zu kritisieren ist in diesem Zusammenhang das einseitig und unter Ausschluss der Öffentlichkeit und NGOs verhandelte ACTA-Abkommen. Die zunehmende Kritik und die Befürchtungen seitens der NGOs wie der EFF (Electronic Frontier Foundation), dass hier die bürgerrechtlichen Interessen zu kurz kommen könnten, sind durchaus berechtigt.

Die Zusammenführung der „Digital Natives“ und der „Digital Immigrants“ ist ein kleiner Abschnitt eines umfangreichen Themenbereichs. Für alle, die sich über die Kommunikationsebene hinaus informieren wollen, habe ich hier ein paar weiterführende Links:

Ergebnisse des Round Table I: „Copyright im Internetzeitalter – quo vadis?“ (Grüne Bildungswerkstatt)

Gerd Leonhard (Media Futurist) – eine meiner Lieblings-Infoquellen zur Zukunft der Medien und der Musik

Produsage – „From Production to Produsage“: Definition, Grundprinzipien, Voraussetzungen, …

Territorialitätsprinzip: Artikel aus dem Duke Law & Technology Review zum paneuropäischen Copyright im Lichte des Territorialitätsprinzips (auch als PDF)

ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement): als Infoquelle zum ACTA-Abkommen eignet sich heise.de besonders gut, weil die Zahl der Artikel mittlerweile sehr umfangreich ist und sie zudem gut untereinander verlinkt sind – z.B. „Kritiker wollen ACTA abspecken“

EFF (Electronic Frontier Foundation): größte NGO für digitale Bürgerrechte, Website enthält interessante Infos aus der Perspektive der Bürgerrechtler: http://www.eff.org/

Kultur-Flatrate:

Österreich:
„Grüne machen sich für ‚Kultur-Flatrate‘ stark“ (ORF Futurezone)

„Verleger fordern Leistungsschutzrecht für Onlineangebote“ (derStandard.at)

Deutschland:
Internet: Pauschal genießen“ (Zeit Online)

Einige berechtigte Argumente der Musikindustrie gegen die Kulturflatrate: „10 Thesen der Musikindustrie gegen die Kulturflatrate“ (netzpolitik.org)

Bündnis 90/Die Grünen: die Antworten auf die Fragen der Musikindustrie: „16 Fragen und 16 Antworten“

International:
Vorschlag der EFF: „Voluntary Collective Licensing of Music File Sharing“

Gerd Leonhard über die „Music Flat Rate“