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Das Auge surft mit: Polaroid-Ästhetik im Internet

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Könnt ihr euch noch an Uboot.com erinnern? Wikipedia beschreibt es als eine „ehemals erfolgreiche, heute jedoch praktisch bedeutungslose Online-Community“. Und eine außerordentlich hässliche obendrein, möchte ich hinzufügen. Das war für eine der am schnellsten wachsenden Online-Communitys in der Zeit um die Millenium-Wende kein Hindernis. Schönheit galt damals nicht als Attribut des Internet. Als sogenanntes „Cyberspace“ war es vielmehr die Schnittstelle zu einer spacigen Sci-Fi-Zukunft, markiert durch Neon-Farben, Steel-Look oder Todesstern-Optik. Ein Alptraum für Ästheten.

Ende und Rennaissance der Polaroid-Ästhetik
Das Ende der technisch reproduzierten Schönheit nach dem altmodischen Verständnis war wohl mit dem Ende des Polaroids im Jahr 2008 besiegelt. Der Sofortbild-Kamera-Hersteller gab seinen Kampf gegen die übermächtige digitale Konkurrenz auf. Teuer erzeugte Ungenauigkeit verliert gegen preisgünstige Präzision – ein vorhersehbarer Ausgang. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Digital Natives vier Jahre später nach einem Bildverarbeitungstool verrückt sind, das die hochauflösende Gegenwart in die unscharfe Polaroid-Vergangenheit zurückbeamt. Die neue Ära der Nostalgiker, Ästheten und Hipster Instagram nicht nur Instagram den Start erleichtert, sondern auch dem Polaroid ein erfolgreiches Comeback ermöglicht. Ich kann nicht sagen, was der definitive Auslöser für die Rennaissance der Polaroid-Ästhetik ist, vermute aber, dass der technische Fortschritt in der Fotografie und Bildbearbeitung eine große Rolle spielt. Während unsere Kameras immer näher an die Realität heranrücken, sehnen wir uns wieder nach den kunstvollen Momentaufnahmen im Polaroid-Modus, in denen so manches Detail verschwimmt – vielleicht auch die eine oder andere Sorgenfalte.

Latte Art

Zu schön zum Trinken

Zuerst fotografieren, dann probieren
„Noch nicht essen! Ich muss zuerst ein Foto machen“, hat meine Cousine gestern gesagt, als wir um den gedeckten Tisch zum Sonntagsbrunch gesessen sind. Und auch der Cappuccino in der Abbildung rechts hat es auf Instagram geschafft, noch bevor er gekostet wurde. Die Momentaufnahme ist zu schön, um sie mit dem ersten Schluck zu zerstören, aber gerade schön genug für die Präsentation unserer optischen Highlights des Alltags auf Facebook, Instagram und Pinterest. Gerade letzteres lebt von der Begeisterung seiner User für Stillleben. Wir klicken uns durch menschenleere Wohnzimmer im Vintage-Stil, kreative Schreibtische ohne Papierchaos und ansehnliche Kulinarik. Wenn sich ein Kaffee der Latte Art verschrieben hat statt dem Gusto, schmeckt er dem Auge wohl besser als dem Gaumen und so mancher Cupcake-Zuckerschock bleibt uns dank Foodporn erspart. Denn statt die bunten Törtchen nachzubacken, sammeln wir sie in einem Pinterest-Board namens „Yummy!“ mit der Annahme, dass sie tatsächlich so schmecken wie sie aussehen und für den Fall, dass irgendwann doch die Motivation zum Backen aufkommt.

Online-Windowshopping im Polaroid-Format
Auch das Online-Shoppingerlebnis wird ansprechender und erinnert zunehmend an ausgedehntes Windowshopping auf schönen Einkaufsstraßen. So viel wir an Genuss gewinnen, verlieren wir an Zielorientierung, während wir an den unzähligen Schaufenstern vorbeiscrollen und uns durch die schöne Anmutung der Produkte inspirieren lassen. Viele Favoriten schaffen es nicht in den Warenkorb, sondern landen auf Wunschzetteln in Bildform mit dem Titel „Das will ich haben“ oder „Das werde ich mir nie leisten können, aber täglich ansehen, bis es mir zu blöd ist“. Der Wandel von der Todesstern-Optik zum schönen Internet scheint vollendet, als selbst der E-Commerce-Riese Ebay seinen Lagerverkaufsstil aufgibt und in Sachen Windowshopping und Polaroid-Ästhetik mit Pinterst, Etsy, Fab & Co. mitzieht.

Blogtipp zum Thema: „Über sinn- und hirnbefreites Online-Windowshopping“ von Fanfarella.

Written by ilosweb2null

28. Januar 2013 um 21:46

2 Antworten

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  1. gute gedanken.. bin auch noch nicht ganz entschlossen, was ich von dem food-photographie hype halten sollen.. wenn du in einem restaurant sitzt und die leute um dich rum sind alle damit beschäftigt, das essen abzulichten, läuft doch irgendwas verkehrt oder?

    debelloculinario

    28. Januar 2013 at 22:22

    • Ja, schon irgendwie verkehrt. Ich habe mich selbst mehrmals dabei erwischt und frage mich, woher dieses Bedürfnis danach kommt, schön aufbereitete Dinge nicht im Kopf, sondern im Handy zu speichern. Tatsache ist aber, dass das Essen dadurch nicht besser schmeckt, weil es dann vielleicht schon kalt ist🙂

      ilosweb2null

      29. Januar 2013 at 00:02


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