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Vernetztes Europa: Connecting Digital Natives & Immigrants

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Seit dem Vorschlag der Grünen zu einer Kultur-Flatrate („Grüne machen sich für ‚Kultur-Flatrate‘ stark“) lebt in Österreich wieder die Diskussion über zukunftsfähige Urheberrechtslösungen und Lizenzierungsformen im digitalen Zeitalter auf. Im folgenden Eintrag werde ich selbst keine eigenen Lösungsvorschläge bringen (das überlasse ich Experten wie Gerd Leonhard, die in diesem Bereich über vertiefendes Know-How verfügen) und lege stattdessen den Fokus auf die Kommunikation zwischen den politischen Entscheidungsträgern und verschiedenen Interessensgruppen. So einfach die bloße Debatte im Vergleich zur eigentlichen Lösungsfindung scheint, so selten findet  eine vielseitige und sachliche Diskussion statt. Und diese ist unumgänglich, wenn es darum geht, einen gemeinsamen Nenner zu finden, mit dem alle Beteiligten zufrieden sind. Erst vor kurzem habe ich ein positives Beispiel nach meinen Vorstellungen erlebt, das ich hier im Blog gerne teilen möchte.

„Ein europäisches Copyright?“: Politik, Wirtschaft und „Onliner“ diskutieren an einem Tisch
30. April: Dr. Eva Lichtenberger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im Europäischen Parlament, lädt zum zweiten Round Table über ein europäisches Copyright. Sie diskutiert mit Vertretern aus der Wirtschaft, Politik und aus dem Netz darüber, wie ein europäisches Copyright geregelt sein soll und ob es sinnvoll ist, dass das geltende Territorialitätsprinzip einer grenzüberschreitenden Lösung weicht. Zur Debatte stehen außerdem mögliche Ausnahmen im Urheberrecht für Bibliotheken, Blinde- und Sehbehinderte und für verwaiste Werke, alternative Lizenzierungsmodelle und die Kulturflatrate.

Expertenrunde: Dr. Eva Lichtenberger (stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im Europäischen Parlament), Thomas Geldmacher (Referent für Bildung im Grünen Parlamentsclub), Roland Spitzlinger (Referent für Forschung im Grünen Parlamentsclub), Georg Tomandl (WKÖ Fachverband für Film und Musik), Alexander Hirschenhauser (Verband der unabhängigen Label), Florian Laszlo (Geschäftsführer Observer.at), Volker Eckhart (Transforming Freedom), Bernhard Böhm (Transforming Freedom), Ulrich Lange (Leiter des Instituts für Medienwirtschaft, FH St. Pölten)

Mindestens genauso wertvoll wie die inhaltlichen Informationen fand ich als Gasthörerin und Bloggerin die heterogene Konstellation der Diskussionsrunde und die Tatsache, dass diese von einem Mitglied des Europäischen Parlaments zusammengeführt wurde. Warum ich das wichtig finde?

  1. Neue Rahmenbedingungen erfordern flexible Anpassung: Nicht selten reduzieren Kritiker jene Interessensgruppen, die mit dem bestehenden Urheberrecht im Konflikt stehen, auf Gratiskultur-Anhänger. Tatsächlich ist die Problematik viel komplexer und neue Rahmenbedingungen wie das veränderte Nutzerverhalten schaffen  neue Herausforderungen, die über illegale Musikdownloads hinausgehen.  Die Grenzen zwischen Sender und Empfänger sowie zwischen Produzent und Nutzer verschwimmen zunehmend. In diesem Zusammenhang spricht Axel Bruns vom „produser“, einem aktiven Nutzertyp, der auch selbst Content produziert. Im Vordergrund stehen dabei Vorgänge wie das Nutzen, Produzieren, Publizieren, Teilen und Kollaborieren, aus denen sich neue Inhalte ergeben können. Ein Beispiel dafür sind Mashups, eine Kombination bestehender Inhalte zu einer neuen Komposition. Solche kreativen Prozesse prägen das Zeitalter des Social Web, kollidieren aber nicht selten mit dem bestehenden Urheberrecht bzw. Copyright. Diese komplexe Problematik erfordert daher eine adäquate Behandlung, u.a. durch eine breite und sachliche Diskussion unter Berücksichtigung unterschiedlicher Aspekte und Vermeidung von Pauschalisierungen.
  2. Faire und ausgeglichene Entscheidungsbasis für Politiker: Als Vertreter des Volkes im Parlament müssen Politiker auch Entscheidungen zur Internetregulierung treffen, obwohl der Großteil mit der Nutzungspraxis des neuen Mediums weniger vertraut ist als die „Digital Natives“. Und das sorgt unter Umständen für Unzufriedenheit in der Netzcommunity, welche dann berechtigt ist, wenn Online-Spezialisten nicht in die Diskussion zu möglichen Regulierungsmaßnahmen eingebunden werden. Ich finde, es ist ein Zeichen  großen Verantwortungsbewusstseins gegenüber den Bürgern, wenn sich Politiker bei Unsicherheit verschiedene Ideen und Meinungen von Experten einholen, bevor sie für oder gegen ein Gesetz stimmen oder wenn sie an alternativen Lösungsvorschlägen arbeiten. Im Zusammenhang mit dem Thema Copyright bzw. Urheberrecht sprach Dr. Eva Lichtenberger beim Round Table die unterschiedlichen Interessen der Verwertungsgesellschaften und der Nutzer an und äußerte ihr Interesse daran, beide Seiten in einer Diskussion zusammenzuführen. Das Aufeinandertreffen der beiden Meinungspole hat zwei Vorteile: Politische Entscheidungsträger können Argumente direkt gegenüberstellen und abwiegen und im Idealfall ist eine kritische Diskussion – sofern sachlich geführt, ernst genommen und offen – eine gute Basis für gemeinsame Lösungsansätze.
  3. „Bitte stören!“ – Diesen Spruch habe ich vor Jahren aus einem Frauenmagazin ausgeschnitten und ihn in einer Wandcollage verewigt. Er sorgt seither bei meinen Besuchern für Verwirrungen. Stören muss nicht unbedingt Lärm und Bedrängung bedeuten – produktive Störenfriede kritisieren und widersprechen bloß. Wir alle freuen uns über Lob und Zustimmung, doch in manchen Fällen bringt uns das Unbequeme viel weiter. Und eine kritische Debatte mit Teilnehmern, die unterschiedliche oder gar gegensätzliche Ansichten vertreten,  kann einen nützlichen Perspektivenwechsel bringen, in Sonderfällen die bisherigen Denkweisen verändern oder zumindest dabei helfen, Vorurteile  gegenüber dem Gegenpart abzubauen und seine Position nachzuvollziehen.
  4. Digital Natives sind Doppelstaatsbürger: Die sogenannten „Digital Natives“ sind mit dem Internet besser vertraut als andere, führen aber auch ein Leben abseits der virtuellen Welt. Eine Flucht in eine politische Parallelwelt mit Online-Schwerpunkt könnte daher auch für sie Nachteile bringen, wenn es um andere Interessensgebiete geht, die eine „Internetpartei“ nicht abdeckt. Gerade deshalb ist es wichtig, dass sich politische Parteien der Themen der Netzcommunity annehmen und sie vor allem ernst nehmen. Unabhängig davon, ob  sich die „Kultur-Flatrate“ als zukunftsfähige Lösung herausstellt oder nicht, ist hervorzuheben, dass sich abgesehen von der Piratenpartei lediglich die Grünen mit den Themen und Anliegen der „Digital Natives“ auf europäischer und nationaler Ebene auseinandergesetzt haben und sie auf die Medienagenda gebracht haben.
  5. Ungleichgewicht entgegenwirken, sonst kippt das Gerüst: „Digital Natives“ sind Spezialisten, wenn es um das Internet und die digitalen Bürgerrechte geht, haben selbst aber wenig Einblick in die wirtschaftliche Praxis und damit auch  in die brancheninternen Prozesse sowie die strukturellen Rahmenbedingungen, unter welchen beispielsweise Verwertungsgesellschaften arbeiten. Die Cyberwelt der Selbstregulierung durch die „Digital Natives“ zu überlassen, würde daher zu einem Ungleichgewicht führen, welches eine Benachteiligung wirtschaftlicher und anderer Interessensgruppen zur Folge hätte. Werden wiederum die Anliegen der Netzcommunity und der Cyber-Rights-Aktivisten ausgeblendet, kommt es zu einem Ungleichgewicht und Defiziten auf der anderen Seite. Zu kritisieren ist in diesem Zusammenhang das einseitig und unter Ausschluss der Öffentlichkeit und NGOs verhandelte ACTA-Abkommen. Die zunehmende Kritik und die Befürchtungen seitens der NGOs wie der EFF (Electronic Frontier Foundation), dass hier die bürgerrechtlichen Interessen zu kurz kommen könnten, sind durchaus berechtigt.

Die Zusammenführung der „Digital Natives“ und der „Digital Immigrants“ ist ein kleiner Abschnitt eines umfangreichen Themenbereichs. Für alle, die sich über die Kommunikationsebene hinaus informieren wollen, habe ich hier ein paar weiterführende Links:

Ergebnisse des Round Table I: „Copyright im Internetzeitalter – quo vadis?“ (Grüne Bildungswerkstatt)

Gerd Leonhard (Media Futurist) – eine meiner Lieblings-Infoquellen zur Zukunft der Medien und der Musik

Produsage – „From Production to Produsage“: Definition, Grundprinzipien, Voraussetzungen, …

Territorialitätsprinzip: Artikel aus dem Duke Law & Technology Review zum paneuropäischen Copyright im Lichte des Territorialitätsprinzips (auch als PDF)

ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement): als Infoquelle zum ACTA-Abkommen eignet sich heise.de besonders gut, weil die Zahl der Artikel mittlerweile sehr umfangreich ist und sie zudem gut untereinander verlinkt sind – z.B. „Kritiker wollen ACTA abspecken“

EFF (Electronic Frontier Foundation): größte NGO für digitale Bürgerrechte, Website enthält interessante Infos aus der Perspektive der Bürgerrechtler: http://www.eff.org/

Kultur-Flatrate:

Österreich:
„Grüne machen sich für ‚Kultur-Flatrate‘ stark“ (ORF Futurezone)

„Verleger fordern Leistungsschutzrecht für Onlineangebote“ (derStandard.at)

Deutschland:
Internet: Pauschal genießen“ (Zeit Online)

Einige berechtigte Argumente der Musikindustrie gegen die Kulturflatrate: „10 Thesen der Musikindustrie gegen die Kulturflatrate“ (netzpolitik.org)

Bündnis 90/Die Grünen: die Antworten auf die Fragen der Musikindustrie: „16 Fragen und 16 Antworten“

International:
Vorschlag der EFF: „Voluntary Collective Licensing of Music File Sharing“

Gerd Leonhard über die „Music Flat Rate“

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