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Musikstars aus Südosteuropa besingen ihre Facebook-Liebe

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Die Musik eines Landes ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Kultur und sagt viel darüber aus, wie die Menschen dort leben und lieben. In Südosteuropa gehören mittlerweile auch Online-Bekanntschaften zu den Musen der Musikwelt. Ob daraus zu schließen ist, dass das Internet mehr in den Alltag integriert ist als bei uns in Österreich? Hier eine kleine Analyse:

Verrückt nach einer Facebook-Bekanntschaft: In seinem Song „Çılgın“ (Verrückt) singt der türkische Popstar Ismail YK über die Liebe auf den ersten Facebook-Login:

„Ich ging ins Internet-Café und ging auf Facebook, loggte mich ein als „Verrückt“ [Verwechselt da jemand Facebook mit einem Chatroom?!] und wurde auch ein Mitglied [Hm?]. Ich traf eine wunderschöne Person und wir schrieben einander Tag für Tag … Alle fragen mich, wo ich sie gefunden habe. Facebook, Facebook, ich suchte jeden Tag. Facebook, Facebook, dort habe ich das Mädchen gefunden. Facebook, Facebook, ich habe mich auf den ersten Blick in sie verknallt …“

Liebe auf den ersten Klick: Während in Österreich Facebook vorwiegend dazu genutzt wird, um den Kontakt zu Familie, Freunden und anderen Bekannten aus der realen Welt virtuell aufrechtzuerhalten, haben viele Südosteuropäer die Social Media Plattform als Flirtpool entdeckt und haben tendenziell weniger Hemmung, sie auch als solchen zu nutzen. Die Freundschaftsanfrage von Unbekannten ist üblicher und wird auch eher angenommen als bei uns. Und nicht selten verwandeln Türken, Griechen, Bosnier oder Serben ihre Facebook-Beziehung in eine richtige Partnerschaft. Leichtsinn und Naivität oder doch eher Offenheit für Neues und zeitgemäße Romantik? – Ansichtssache.

Das Internetcafé: Wann warst du das letzte Mal in einem Internetcafé? Warst du schon jemals in einem Internetcafé? Während wir es großteils gewohnt sind, dass das Internet zuhause auf uns wartet oder uns auch unterwegs begleitet, verzichtet Ismail YK im Song „Çılgın“ wie viele seiner Landsleute auf den privaten Anschluss und verbringt stattdessen lange Stunden im Internetcafé. Der Anteil der privaten Anschlüsse steigt stetig, das Internetcafé genießt aber nach wie vor große Beliebtheit, wie auch das Beispiel Bosnien-Herzegowina abschließend zeigt.

Internetepidemie: Die bosnische Sängerin Ada Grahovic singt in ihrem Song „Internet Epidemija“ über ihre Online-Liebe. Wer bei diesen Lyrics ins Schmunzeln kommt, dem geht es auch nicht anders als vielen Einheimischen beim Hören der sogenannten „Turbo-Folk„-Musik, aber das ist eine andere Geschichte.

„Ja, ich habe mich über andere lustiggemacht, dass sie verrückt sind, wenn sie sagen, dass man über das Internet lieben und sich verlieben kann. Hey, verrückter Kopf, sag niemals nie, dich hat’s auch erwischt. Am Wochenende gehe ich nicht aus, weil ich online bin wegen dir mein Süßer. Liebe über’s Internet – eine Epidemie! Heilt mich davon nicht, besser ich bin krank davon. So fern, so nah gehöre ich ihm. Süße Mails halten mich bis morgens wach. Aha, diese „Internetmanie“ kreist um die Welt und ich bin nicht immun geblieben und bin über das Wochenende zu Hause …“

Connecting Diaspora Singles: „So fern, so nah“ kann bedeuten zwischen Sarajevo und Mostar, aber auch zwischen Sarajevo und Chicago. Viele Menschen mit den gleichen geografischen Wurzeln trennen nun vielleicht sogar Weltmeere. Umso größer ist für neugierige Singles der Reiz, Bekanntes mit Fremdem zu verbinden und bei der Partnersuche in die Ferne zu blicken, gleichzeitig aber der eigenen Kultur nah zu bleiben. Facebook & Co. eignen sich für solche Auslands-Schwärmereien deshalb gut, weil örtliche Distanzen für die Kommunikation im Web nicht entscheidend sind. Wenn die Auswanderer in der Diaspora nostalgisch werden und Traditionen und den Lebensstil ihrer Heimat vermissen, ist die Kontaktaufnahme zur Heimat naheliegend. Umgekehrt träumen viele Daheimgebliebenen von einer besseren Zukunft im Westen, die ihnen zuhause bislang verwehrt blieb. Gerne wird dann bei der Suche nach Mister oder Miss Perfect der eigene Heimatort ausgeblendet und der Blick durch eine rosa Brille in die Ferne gerichtet. Eine doppelte Realitätsflucht: Die Flucht in die Virtualität in der Hoffnung auf eine Fluchtmöglichkeit in eine scheinbar bessere Welt.

Im Großen und Ganzen sind die Bewohner der Balkan-Halbinsel aber gesellige Lebenskünstler und genießen die Wirklichkeit anstatt vor ihr zu fliehen. Deshalb spricht Milan Stankovic, der diesjährige serbische Eurovision-Songcontest-Teilnehmer, mit seinem Song „Fejs“ (Slang: Facebook) vielen seiner Landsleute und Balkan-Nachbarn aus der Seele:

„Du tippst Küsse, zeichnest tagelang Smileys. Du schickst mir Clips, nachts schickst du mir Links. Erst über die Camera erkenne ich deine Absichten, aber es hat alles keinen Sinn, wenn du nicht bei mir bist. Trenne dich vom Netz, melde dich vom Chat ab. Ist die reale Welt nicht schöner als die unwirkliche? Steig aus Facebook aus, lass von MySpace ab, denn eine Beziehung über das Netz stört mich gewaltig. Mach einen Spaziergang zu mir, genieße LIVE.“

Beispiel: Internetnutzung in Bosnien-Herzegowina: Die Ergebnisse der letzten Erhebung der Nutzerzahlen durch GfK Bosnien-Herzegowina (www.gfk.ba) vom Juli 2009 zeigen, dass die oben vorgestellten Trends keine Massenphänomene sind, da insgesamt nur 35 Prozent aller Bosnier das Internet nutzen und dementsprechend auch wenige Haushalte einen Internetanschluss besitzen (29 Prozent). Ein bereits genanntes Merkmal der südosteuropäischen Internetkultur ist die Popularität des Internet-Cafés. In Bosnien-Herzegowina surfen mehr als 20 Prozent aller Nutzer von einem Internet-Café aus.

Written by ilosweb2null

20. April 2010 um 22:06

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