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Wähler im Web 2.0: Beduinen ohne Chance auf Klimaanlagen

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Das Marketing hat sich längst vom Märchen verabschiedet, dass gute Werbung einen Beduinen zum Heizkörperkauf verleitet. Vielmehr interessiert man sich jetzt dafür, was der Beduine erwartet. So entstehen neue Anregungen, die als Chance genutzt werden können, die Produkte zu verbessern. Wer hier vom unwissenden und naiven Kunden ausgeht, wird enttäuscht zusehen müssen, wie der Wüstenbewohner zum anderen Basar-Verkäufer abwandert, der ihm eine Klimaanlage anbietet – besonders dann, wenn der Beduine explizit eine Klimaanlage fordert, jedoch seine Bedürfnisse ignoriert werden. (Beispiel nicht ernst gemeint, nur eine Metapher.)

Ähnlich ist es mit den jungen Wählern. Oft unterstellt man ihnen Politikverdrossenheit. Man würde sie ja partizipieren lassen, aber sie haben „eh kein Interesse“. Ist Politikverdrossenheit aber nicht mehr ein Symptom als eine Ursache? Jeder Mensch hat eine Meinung und verfolgt bestimmte Interessen, die Frage ist nur: Was habe ich davon, wenn ich sie mitteile? Ändere ich etwas damit? Das Web 2.0 bietet die Möglichkeit zur Partizipation, Kollaboration & Enthierarchisierung der Politik. Diese Chance, die technisch gegeben ist, wird jedoch in der Praxis zumeist nur symbolisch genutzt.

Einen interessanten Beitrag lieferte dazu Christian Fuchs in seinem Paper: „Information and Communication Technology and Society. A Contribution to the Critique of the Political Economy of the Internet.“ Er kritisiert darin den Optimismus über die bloße Verfügbarkeit von Tools, die potentiell Partizipation ermöglichen könnten (es in der Praxis aber nicht tun).

„[..] the degree of participation in the media not only concerns the availability of production and circulation technologies, but also how visible information is, how much attention it gains, how much difference it makes, how much control of actual decision processes is enabled and the degree to which the structures of ownership, power and discourse are shaped in participatory and cooperative ways. If democracy is understood as the production of information by all that has no significant political effects and leaves dominant power structures untouched, then an ideological way of legitimating existing modes of domination is present. Everybody can then voice her or his opinion on the Web, but nobody will care about it because the real decisions are still taken by the elite groups.“ (Christian Fuchs)

Auch Markus Beckedahl (Netzpolitik.org) sagte im April in einem Interview mit ORF Futurezone:

„Die politischen Parteien sind noch nicht im Web 2.0 angekommen. Wenn wir „2.0“ mit Offenheit, Kollaboration übersetzten, dann sieht man, dass die einzige Form von Kollaboration im Moment so aussieht, dass man einfacher an die Botschaften der Politiker herankommt. Die sind jetzt auf mehrere Kanäle verteilt – etwa YouTube. Die Möglichkeiten der Partizipation sind aber beschränkt. Man kann nicht wirklich mitdiskutieren und mitbestimmen.“

Übertragen auf die Beduinen und ihre Klimaanlagen sieht das so aus:
IST: Heizkörperverkäufer lesen die Kommentare und Diskussionsbeiträge der Beduinen. Diese werden dazu genutzt, um die Werbung für Heizkörper zu optimieren.
SOLL: Heizkörperverkäufer lesen die Kommentare und Diskussionsbeiträge der Beduinen. Diese werden dazu genutzt, um das Produktsortiment anzupassen und die Produkte zu verbessern. Klimaanlagen werden verkauft.

Besonders kritisch wird es dann, wenn Politiker für Bereiche Entscheidungen treffen, in denen sie selbst keine Experten sind. Ein Beispiel dafür sind Maßnahmen zur Internetregulierung wie Netzsperren, die eigentlich nicht von „digital natives“, sondern „digital immigrants“ durchgesetzt werden. Übertragen auf die Beduinen und Heizkörperverkäufer sieht das so aus:

IST: Die Heizkoerperverkäufer sind nicht in der Wüste beheimatet, sondern kommen vom Nordpol und wollen in die Wüste expandieren. Sie passen ihr Sortiment aber nicht an die neue Umgebung an, sondern verkaufen weiterhin Heizkörper. Die Beduinen starten eine Petition unter http://www.wirbrauchenkeineheizkoerper.org. Nichts passiert.
SOLL: Die Heizkörperverkäufer ziehen Beduinen als Berater heran, um ihr Angebot an die Bedingungen in der Wüste anzupassen.

Kennt jemand Beispiele aus der Politik, in denen Beduinen im Web 2.0 Klimaanlagen gefordert haben und sie auch wirklich bekommen haben? Ich freue mich über Hinweise!

Written by ilosweb2null

30. September 2009 um 10:19

Veröffentlicht in Politik

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Eine Antwort

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  1. […] einen Kommentar » In meinem Blogeintrag “Wähler im Web 2.0: Beduinen ohne Chance auf Klimaanlagen” beschrieb ich anhand einer Metapher das Problem der scheinbar gegebenen Partizipationsmöglichkeit, […]


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